"Die Strände und Inseln, z. B. Sanibel Island, sind traumhaft. Key West, Miami mit Ocean Drive, Art Deco Viertel und die Everglades sind ein schönes Pflichtprogramm. Auch die Kunst kommt nicht zu kurz, z. B. das Dali Museum in..." Sabine und Gerd Z. aus Celle weiter
Abwechslung pur in der Mitte Floridas
Familienspaß, alte und neue Downtowns, dicke Kuchenstücke und ein Raketenstart
Von Susanne L. Born
Die gigantischen Roadside-Signs, die Werbeplakate an den Straßen, machen Lust auf Sonne, Fun und Wassersport. Ron Jon's Surf Shop wirbt mit Urlaub, lange bevor ein Strand in Sichtweite ist. Ich muß nur dem Werbeplakat folgen, um zum Ziel zu gelangen. Ich reise auf der Interstate 4 von Orlando aus gen Osten, irgendwann plumpse ich ja logischerweise in die Wellen. Wow, dieser Name: Cocoa Beach! Und tatsächlich liegt er dann da, der Strand, unendlich der Ozean, weit weg der Horizont. Surfer, Badende, Strandbuden mit allerlei Erfrischungen. Vom Causeway sehe ich die Raketenabschussbasis, von der in wenigen Minuten ein bemanntes Space Shuttle in den Orbit jagen wird. Hoffentlich geht alles gut, — und mit mir zittern mindestens weitere 50.000 Schaulustige, die mit Auto, Kind und Kegel am Straßenrand kampieren und ihre Feldstecher in Richtung Rakete gerichtet haben. Plötzlich dampft es gewaltig, dann sehen wir einen Stecknadelpunkt in den blauen Himmel schiessen. Wir hören ein gewaltiges Geräusch, wie ein Donnergrollen, der Punkt wird immer kleiner, macht einen Bogen und verschwindet im Weltall. Die Leute johlen, klappen ihre Campingstühle zusammen und fahren wieder davon. Diesmal ist alles gutgegangen.
Beseelt von diesem Erlebnis mache ich mich auf zum Besucherzentrum des Kennedy Space Center. Wäre ich etwas eher dagewesen, hätte ich mit einem leibhaftigen Astronauten zu Mittag essen können. Doch "Dine with an astronaut" ist heute hoffnungslos ausgebucht! Also wandere ich um Satelliten, Apollo-Kapseln und eine einhundert Meter lange Saturn-Rakete herum, schaue mir Filme über die Geschichte der Raumfahrt an. Für 2007 ist eine Space Shuttle Simultation "The Shuttle Launch Experience" geplant, die technologisch anspruchsvollste Ausstellung, die jemals im Besucherzentrum zu erleben war. Eine bewegliche Plattform wird mit Videoschirmen, Geräuschen und Spezialsitzen im Cockpit den aufregenden Start ins Weltall realitätsnah nachstellen.
Es ist kaum zu glauben, aber nur wenige Meilen nördlich der Raketenabschußbasen liegt das Merritt Island National Wildlife Refuge, ein idyllisches Stück Natur mit Marschlandschaft, Pinien und salzigen Flußmündungen. In dem 572 Quadratkilometer großen Naturschutzgebiet hat neben dem weißen Seeadler, dem amerikanischen Wappentier, und Seekühen, den Manatees, auch die vom Aussterben bedrohte Loggerhead-Schildkröte ein Refugium gefunden. Die äußerst seltene Meeresschildkröte kommt hier zum Eierlegen auf das Festland. Ich frage den Ranger, ob die ohrenbetäubenden Raketenstarts den Tieren wirklich nichts ausmachen — es scheint tatsächlich der Fall zu sein.
Von Cocoa aus bewege ich mich wieder in Richtung Inland. Auf einsamen Straßen passiere ich Erdbeerfarmen, Orangen- und Zitrusplantagen, und sehe ein Florida, wie es in meiner Phantasie vor einhundert Jahren ausgesehen hat. Authentisch, unverfälscht, mit Arbeitern auf den Feldern und kleinen Obstständen am Straßenrand. Auf dem Highway 419 fahre ich durch Kleinstädte, deren einst öde und verlassen daliegende downtowns revitalisiert werden. So locken mich Hinweisschilder in die "Historic Downtown" von Sanford, einer 40.000 Einwohner zählenden Stadt am St. Johns River im Landkreis Seminole, dessen erstes Haus im Jahre 1887 erbaut wurde. Ich bestaune das dörflich-rustikale Ambiente einer Westernstadt in einem Radius von zwei Häuserblocks rund um den "Magnolia Square." In Miss Libby‘s Antique Emporium verkaufen 50 zumeist ältere Herrschaften allerlei Kurioses wie aufziehbahre Hawaii-Puppen aus den 1960er Jahren oder handbetriebene Spielautomaten der ersten Generation. Nur wenige Schritte weiter lockt pseudo-teutonisches Lebensgefühl. Der deutsche Einwanderer Theo Hollerbach hat in Sanford sein Glück gemacht und lädt seine Stammgäste für den kommenden Samstag in sein Willow Tree Café zum Schunkelabend ein — geboten werden selbstgemachte Würste auf Sauerkraut und "a lot of Gemutlichkeit." Einige Meilen entfernt, in Haines City, entsteht ebenfalls eine "Historic Downtown." Ich parke vor dem Internetcafé "The Common Ground." Lord have Mercy! Dickere Kuchenstücke, zweifellos "homemade," habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. An den Tischen "Snowbirds," Urlauber aus dem Norden, die mit blassen Gesichtern dasitzen und Prospekte einer örtlichen Immobilienfirma studieren.
In Orlando gelange ich zum Kulminationspunkt der Familienunterhaltung. Tauche ein in eine Welt, die aus fünf riesigen Themenparks und hunderten anderer Attraktionen besteht. Ich reihe mich brav ein in die Blechlawine und fahre den jährlich länger werdenden International Drive entlang, der kräftig pulsierenden Ader mit überreichlich vorhandenen Hotels, Kettenrestaurants, Ticketbuden, Souvenirshops und Outlets, in denen es Markenware um einiges preiswerter gibt als im regulären Kaufhaus. Disney World war und ist der Vorreiter für den seit über 30 Jahren schier unfassbaren Run auf das Bedürfnis nach grenzenlosem Fun. Die Besucherzahlen steigen kontinuierlich — können 50 Millionen Touristen pro Jahr irren? Wo bei meinem ersten Besuch noch eine zugegebenermaßen riesige Wasserrutsche als erfrischende Attraktion galt, lädt heute ein gigantisches Konglomerat von gewundenem high-tech-Stahl zu rasanten Rutschpartien in die Tiefe an. Reichten vor zehn Jahren noch zwei Tage, um die Themenparks zu erleben, muß heute eine Woche eingeplant werden — zu groß ist die Anzahl der Attraktionen und Wasserparks, der Minigolfplätze, Filmstudios, Zoos und Abenteuerspielplätze. Allein Disney unterhält sieben Parks — wobei Walt Disney World mit Micky Maus und Freunden, Schneewittchen-Schloß und Main Street USA nach wie vor der beliebteste ist. Viele Familien kommen bereits in der Dritten Generation hierher. Als gäbe es ein Maus-Gen, das weitervererbt wird! Dichtauf in der Beliebtheitsskala folgen die Studios: Disney‘s MGM Studios ist ein Themenpark mit einem kompletten Film- und Fernsehstudio. Zu den Attraktionen gehören unter anderem die amerikanische Version von "Wer wird Millionär" Who Wants to Be a Millionaire?
Auch Universal Studios entführt die Gäste hinter die Kulissen der Film- und Fernsehwelt. Besucher können Außerirdische in Men in Black Alien Attack bekämpfen, ihren Mut im Sturm von Twister…Ride It Out beweisen, mit Shrek und Donkey durch Shrek 4-D reiten oder sich in den Nickelodeon Studios mit grünem Schleim duschen lassen.
In einem Leserbrief in der wöchentlich erscheinenden Zeitung "Orlando Weekly" beschwert sich ein Hector Ruiz, Orlando sei die langweiligste Stadt in den USA. Er sei gerade hergezogen, habe sich die Themenparks angesehen, und darüber hinaus nur noch Leere entdeckt. Hector irrt gewaltig: Ich bummle (ja, ich gehe spazieren!) durch Thornton Park, ein beinahe idyllischer Stadtteil am Lake Eola, der die Bedürfnisse derer kanalisiert, die in der Welthauptstadt des Entertainment ein bürgerliches Leben führen möchten. In Thornton Park gibt es eine Modeboutique, einen Buchladen (sehr wichtig!), ein Take-out für gehobenen Lebensmittelbedarf und drei Restaurants: japanisch, italienisch und Barbeque. Außerdem: ein unvermeidliches Starbucks-Café (wo Menschen mit W-Lan-Nackenstarre, wie das Phänomen der einsam vor sich hinstarrenden Internetsurfer genannt wird, bewundert werden können). Am Samstag ist Markttag und Händler aus der Umgebung bieten frisches Obst und Gemüse an, hier gibt es die saftigen Florida-Orangen und von der Sonne verwöhnten Tomaten noch live zu genießen. Man sitzt auf Terrassen und erfreut sich, einer selten gewordenen Normalität, — vielleicht ist dies hier eine Traumwelt in der Traumwelt, aber das ist eigentlich auch egal.
Eine Welt der Seen ist Polk County südwestlich von Orlando. 554 Gewässer wurden gezählt — man kann nicht nur kanufahren oder angeln, — schließlich bin ich im Land der Orange, und da möchte ich über diese süße Frucht auch etwas lernen. Im Florida Natural Growers Grove House erfahre ich, wie der Saft in die Tüte kommt, seit wann die Orange in Florida angebaut wird und wie gesund sie ist. Die Führung ist unterhaltsam und lehrreich zugleich. Der Cypress Gardens Adventure Park in Winter Haven hat einen neuen Wasserpark, "Splash Island," eröffnet. Dort gibt es einen Fluss, Wellenpool, interaktives Wasserspielgebiet und Wasserrutschen. Cypress Gardens hat außerdem ein umgestaltetes Tiergehege, "Nature’s Way" hinzugefügt, in dem mehr als 150 Vogelarten, Seekühe und Reptilien untergebracht sind.
Südlich von Orlando sehe ich wieder eine andere Welt. Eine, in der eigene Gesetze gelten, in der es keinen Bürgermeister gibt und vor allem keine Kriminalität. Bauherr von Celebration ist die Disney Company, die eine heile Welt für Besserverdienende geschaffen hat. Bislang leben hier 3000 Menschen, doch eines Tages möchte Celebration seinen 20.000sten Einwohner feiern. Hier ist Amerika traditionell, zumeist südstaatlich kolonial, mit manikürten Rasenflächen, zweigeschossigen Einfamilienhäusern, Golfplatz, künstlichem See und einem Ortskern mit Geschäften, Kino und Restaurants. Aus den Lautsprechern wabert soulige Fahrstuhl-Musik und im rekonstruierten Diner sitzen Touristen und essen Doppeldecker-Sandwiches. Auch der Policeofficer kommt auf einen Kaffee vorbei. Was diesen Ort so anziehend macht? Namhafte Architekten wie Michael Graves (Post Office), Philipp Johnson (City Hall), Cesar Pelli (Cinema) und Aldo Rossi (Verwaltung) haben mit zumeist postmodernistischen Bauten zum Erfolg der synthetischen Kleinstadt beigetragen. Sie lassen Celebration wie eine Filmkulisse erscheinen, wie sie auch bei Universal Studios oder MGM stehen könnte. Nur hier wohnen reale Menschen, die ein reales Leben führen — in der steingewordenen Illusion einer der vielen Traumwelten, die dieses unglaubliche Land zu bieten hat. Leserbriefschreiber Hector Ruiz, und nicht nur der, würde aus dem Staunen nicht mehr rauskommen.
Orlando
www.orlandoinfo.com/de2
Celebration
www.celebrationfl.com
Kennedy Space Center Visitor Complex
www.kennedyspacecenter.com
Polk County
www.sunsational.org
Cypress Gardens Adventure Park
www.cypressgardens.com
Florida's Natural Growers Grove House
www.floridasnatural.com