"Besonders gut gefallen haben mir ein Ausflug in die Florida Keys und zwei Tage Busch Gardens in Tampa, wo beim "Rollercoaster by night" sehr nette Menschen kennengelernt habe. Was auch immer einen Tipp wert ist, vor allem, we..." Markus L. aus Hannover weiter
St. Petersburg und Tampa
Ein nostalgischer Trip zu Swing und Rock, zu Diners, rosa Palästen und versunkenen Gärten
Von Susanne L. Born
Eine Zeitreisende muß ich sein, ich komme aus der Zukunft und suche Art Deco und mediterrane Baustile, fliegende Untertassen und Sputniks, Tikihütten und indianische Zeichen. Ich will ihn hören, den Swing der 20er und den Rock n‘Roll der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Das Reklameschild des Hotel Thunderbird reckt sich wie ein letztes Hilfezeichen in den stahlblauen Himmel Floridas — wie eine Zeitreisende mache ich mich auf die Suche nach den alten Motels, zu den technokratisch-spacigen Bauten der 40er, den verspielten Schnörkeln des Art Deco, den Schiffsmotiven, den Referenzen an amerikanische Ureinwohner, an die Heydays des Automobils, die Symbolik der gerade in den Kinderschuhen steckenden Raumfahrt.
Treasure Island, eine eigenständige Gemeinde auf der St. Petersburg vorgelagerten Inselkette, ist ein einzigartiges Beispiel für Freizeit und Tourismusarchitektur nach dem Ersten, und dann wieder nach dem Zweiten Weltkrieg. Ich mache mich auf die Suche, weil ich die Vergangenheit sehen möchte, die charmant-verspielten Eiscremebuden, die Diner von Mom und Pop, die Motels, in denen die Snowbirds aus dem Norden den Winter verbringen, die leicht angestaubten und gerade deswegen so charmanten Attraktionen.
Wie zum Beispiel Sunken Gardens. So richtig konnte ich mir unter einem "Versunkenen Garten" nichts vorstellen, aber es muß etwas Besonderes seit, eine "botanical experience", die seit einhundert Jahren Besucher anlockt. An der 4th Street in St. Petersburg, mitten in der Stadt zwischen Restaurants, Tankstellen und Shoppingcenters, betrete ich dieses historische Kleinod, das aus einem trockengelegten See entstanden ist, der drei Meter unter dem Straßenebene liegt. George Turner, ein Klempner mit gärtnerischer Leidenschaft, machte sich 1903 an sein Lebenswerk und pflanzte exotische Bäume und Pflanzen aus den Tropen an — Papayabäume, Bougainvillea, Orchideen, etliche Palmenarten, der Garten wurde weltweit für seine außergewöhnliche und farbenfrohe botanische Sammlung berühmt. Und die Menschen kamen tatsächlich, um hier spazierenzugehen. In den 1950er Jahren fügte man Ziervögel und Fische hinzu, Flamingos und Schildkröten, während sich Zikaden und etliche Vogelarten von selbst einstellten. "Sunken Gardens" ist ein wunderbar altmodischer Zeitvertreib!
Ich stehe vor dem Vinoy Resort, einem imposanten Beispiel mediterraner Architektur. St. Petersburgs Flaggschiff der Luxushotellerie eröffnete Silvester 1925 mit einer rauschenden Ballnacht. Die Reichsten der Reichen waren zu Gast, Prominenz aus aller Welt flanierte unter spanischen Kandelabern und zwischen französischen Tischen. Nach etlichen Ups und Downs und einer 93 Millionen US-Dollar teurer Renovierung ist die Legende lebendig wie nie: Julia Roberts und George Clooney steigen ebenso im Vinoy Resort ab wie Melissa Etheridge und Tiger Woods. Unablässig wuselt es in der Riesenlobby, von den Zimmern aus überblickt man die Bay mit dem Pier. Die "gute alte Zeit" ist vor allem in der aufwändig renovierten Bar gegenwärtig, die Fresken mit den Fabeltieren zieren die Decken, halbmondförmige Leuchter verbreiten sanftes Schummerlicht, und der Barkeeper serviert mir mit sehr viel Stil einen sehr steifen Drink.
Einige der liebenswerten Motels auf Treasure Island sind ganz offenbar "outdated" wie man hier sagt, sie werden abgerissen. Wie das "Surf", nur eines von einem Dutzend Motels in Familienbesitz, die in den 1940er und 1950er Jahren im architektonischen Stil des Midcentury Modern gebaut wurden. Anders als in Miami Beach, wo mit dem Art Deco District ein gesamtes Stadtviertel unter Denkmalschutz gestellt wurde, gibt es hier keine mächtige "Preservation League". Der Immobilienboom geht weiter, läßt Burgen aus Eigentumswohnungen entstehen, die sich am Strand wie Perlenketten aneinanderreihen. Einige der größeren Hotels wie das charmante Thunderbird Beach Resort oder das gemütliche Tahitian Resort sollen erhalten bleiben, so erfahre ich von den freundlichen Ladies am Empfang. Und hoffentlich auch die überdimensionale Eistüte "Twistee Treat", eine Eisdiele auf amerikanisch. Während ich am Strand entlangschlendere, denke ich gerade an die zerbröckelnde Freiheitsstatue aus dem Film "Planet der Affen", als ich vor einem pinkfarbenen Palast stehenbleibe. Das Don CeSar Beach Resort ist ein prachtvolles Beispiel der Mittelmeerarchitektur und wurde 1928 als erstes Luxushotel an der Westküste Floridas eröffnet. Der Schriftsteller F. Scott Fitzgerald, der gemeinsam mit Ehefrau Zelda selbst häufig Gast des Hauses war (vor allem an der Bar), beschrieb die malerische Eleganz, die prachtvollen Kristallüster, die dicken Teppiche, durch die sein Protagonist der "Große Gatsby" stolperte. In diesem Traum in Rosa erleben die “Roaring Twenties” eine Auferstehung. Wie so viele andere Hotels auch, diente das Don CeSar während des Zweiten Weltkriegs als Militärlazarett. Vom hier ist es übrigens nur ein kurzer Spaziergang nach Pass-a-Grille, einem der schönsten Strandabschnitte der Region, ganz im Süden von St. Petersburg Beach: Puderzuckerstrand, prima Fischlokalen, nette Strandbars und Cafés. Wer die phantastischen und jährlich auf's Neue preisgekrönten Strände erleben möchte, hat die Qual der Wahl zwischen einem Aufenthalt in einem der legendären, geschichtsträchtigen Resorts und in einem der familiengeführten älteren Motels, alle mit viel "personal touch". Immer beliebter wird die Anmietung eines Luxuscondos, einer hervorragend ausgestatteten Eigentumswohnung, von denen die meisten direkt am Strand liegen.
Skyway Jack‘s Restaurant ist eine sehr populäre Institution in St. Petersburg. Wer gut und preiswert frühstücken möchte, setzt sich in eine der Nischen unter allerlei Seemannsgarn, Fischereiutensilien oder dem dekorativen Haigebiss. Zwar steht das Diner schon lange nicht mehr an der Sunshine Skyway Bridge, die ihm den Namen gab und mit einer Länge von 7 Kilometern ein imposantes Wahrzeichen der Stadt ist. Auch den Gründer Jack gibt e ms nicht mehr, aber was soll‘s, heutzutage haben die flotten Mädels im Service sowieso klangvollere Namen: Kitty, Elma, Becky und Mary vollbringen wahre Servier-Kunststücke, wenn sie sonntags ein paar hundert Frühstücke an Mann und Frau bringen. American Breakfast für Menschen mit Riesenappetit steht auf der Karte und die Spezialität des Hauses sind Pfannkuchen "7 days a week, from 5 to 3", wie mir Kitty erkärt. In der Tat sehen die Pancakes beeindruckend aus, manche werden mit Ananas und Kokosraspeln überschüttet, andere mit Banane und Walnüssen. Herzhaft hingegen die Eiergerichte, wahlweise mit Schweinskotelett, Corned Beef oder geräucherter Makrele, immer jedoch mit knusprigen Bratkartoffeln und einem Maismehl-Muffin. Dazu Endlos-Kaffee, der ungefragt nachgeschenkt wird. Zwei Trucker aus echtem Schrot und Korn sitzen am Counter und schauen Kitty und den anderen bei der Arbeit zu, ein paar Harleyfreaks aus der Schweiz sitzen in der Mitte des Raums und teilen mit Stammgästen ihre Urlaubserlebnisse. Andere haben es sich in den typischen Nischen mit Bänken aus Lederimitat über ihrer Tasse Kaffee gemütlich gemacht. In diesem Laden bekommt niemand die Rechnung, wenn der letzte Bissen noch im Halse steckt. Ich nehme, zumindest gedanklich, ein Stück Nostalgie mit nach Hause, denn dieses Ambiente ist nun wirklich "Very Seventies"!
Ansonsten ist St. Petersburg so uramerikanisch wie eine Viertel-Million-Einwohner-Stadt im Sunshine-State eben nur sein kann. Die Downtown, mit kleinen Parks, schönen breiten Straßen und vielen Palmen, wird tüchtig herausgeputzt. Sehr attraktiv ist das Shopping-Center "Bay Walk" mit einem gewagten Stilmix aus mediterran und pastellig. Und ein Must für Kunstinteressierte ist natürlich das Salvador Dali-Museum, das die größte Sammlung des exzentrischen Malers beherbergt. Eher zufällig entdecke ich die Central Avenue, eigentlich eher ein Boulevard im besten Sinn, denn diese Straße hat es in sich: Beinahe alle Gebäude aus den 1920er Jahren sind gut erhalten oder restauriert, an Sonntagen flanierten die Bürger unter Sonnenschirmen, tuckerte Henry Fords "Tin Lizzy", hier fanden einst Demonstrationen gegen Rassendiskriminierung statt, hier feierte man Unabhängkeitstage. Heute sind viele Ateliers und Galerien eingezogen, daneben Cafés, Restaurants, Antiquitätenläden. Bis hinunter zum außerirdisch anmutenden Dom des Tropicana Field, dem Baseballstadion der Tampa Bay Devil Rays. Hier betrete ich die "Gas Plant Antique Arcade", eine ehemalige Lagerhalle, in der 50 Händlerinnen und Händler ihre 'objets trouvés' anbieten. Die eher älteren Herrschaften sind Pensionäre, die mit Sammelleidenschaft Abwechslung in ihren Alltag bringen. Liebevoll haben sie ihre kleinen Stände dekoriert, bieten eine enorme Bandbreite vom Kitsch aus Elvis‘ Zeiten über Sitzmöbel von Marcel Breuer bis zu ganzen
Kücheneinrichtungen im Westküstenstil an. Die "Largest Antique Mall on Florida‘s West Coast" und ihre rührigen Betreiber nehmen mich für mehrere Stunden gefangen und ich lasse mir wunderbar schräge Geschichten aus dem Leben anderer erzählen. Ein Erlebnis, auch ohne etwas zu kaufen!
Von St. Petersburg aus überquere ich die sagenhafte Tampa Bay auf der 1924 eröffneten Gandy Bridge und fahre nach Ybor City. Das lateinamerikanische Viertel von Tampa war einst als "Zigarrenhauptstadt der Welt" bekannt, in der Tausende von Immigranten in über 200 Zigarrenfabriken arbeiteten. Ybor City hatte eine eigene Infrastruktur mit Geschäften, einer Lokalzeitung, sogar Kasinos und Bordellen. Alles hatte mit dem Kubaner Vincente Martinez-Ybor begonnen, der 1885 sein Zigarrengeschäft von Key West hierher verlegte. Zwei Zigarrenfabriken eröffneten noch - im selben Jahr, und Mitte des 20. Jahrhunderts gab es aufgrund des Baus der "South Florida Railroad" nochmals einen Schub, der Arbeitskräfte brachte. Das Columbia Restaurant eröffnete 1905 und bewirtet noch heute seine Gäste mit spanisch-kubanischen Gerichten. Es wird in der vierten Generation von Nachfahren des Gründers Casimiro Hernandez betrieben und ist längst eine Kette mit etlichen über das ganze Bundesland verteilten Ablegern. Hier beobachte ich kubanische Familien mit puppenhaft angezogenen Kindern beim Sonntagsbrunch während an der Bar der Männerclub der Rotarier ein Treffen abhält. Die meisten Zigarrenfabriken sind geschlossen und von der Hand gedreht wird auch nicht mehr. Trotzdem verlassen noch 500 Millionen Zigarren jährlich die Förderbänder. Und dann entdecke ich doch noch einen kleinen Laden, wo Selbstgedrehte verkauft werden: El Sol Cigars an der Siebten Avenue gibt es seit 1929, lasse ich mir erklären, und nur ausgewählte importierte Tabakblätter finden Verwendung. In den verlassenen Fabriken haben Avantgarde-Galerien, Bars, Jazzkneipen und Nachtclubs aufgemacht. Der abgeblätterte Charme des alten Viertels ist auf wundersame Weise erhalten geblieben, vor allem an der belebten 7th Avenue: Straßenlampen aus der Zeit um die Jahrhundertwende, spanische Architektur, handgeschmiedete Balustraden und bunte Kacheln an den Häuserwänden. Ybor City steht heute unter Denkmalschutz!
Die südlich von St. Petersburg gelegene Sarasota Bay und ihre vorgelagerten Inseln sind schon seit dem frühen 20. Jahrhundert ein beliebtes Ferienziel der der Snow Birds, der Sonnenhungrigen aus dem kalten Norden. Die weißen Strände von Anna Maria Island, Siesta Key, Lido Key und Longboat Key gehören zu den schönsten der Welt, Sarasota galt lange als "Platz für die Elite" — was im wesentlichen einem New Yorker Multimillionär zu verdanken war: John Ringling und seine Ehefrau Mable, in die Geschichte eingegangen durch den Ringling Brothers, Barnum & Bailey Zirkus, kamen 1928 in die Gegend und bauten sich eine an Opulenz kaum zu übertreffende Luxusvilla namens Ca‘d‘Zan ("John‘s Haus"), eine Residenz im venezianischen Stil und, weil kein Platz mehr für all die angesammelten Kunstwerke vorhanden war, ließen sie das John und Mable Ringling Museum of Art errichteten. Heute ist es eines der angesehensten Museen mit Meisterwerken des Malers Peter Paul Rubens und anderer Vertreter italienischer und flämischer Kunst des 17. Jahrhunderts.
Ich fahre den Tamiami Trail, der deswegen so heißt, weil er von Tampa nach Miami führt, gen Süden in Richtung der Kleinstadt Osprey. Hier, bei Spanish Point begegne ich Zeugen einer Zeit, die noch um einige Jahrhunderte weiter zurückliegt: Der Park, eigentliche eine in die Sarasota Bay hineinragende Landzunge, erzählt die Geschichte Floridas im Kleinen, von prähistorischen Siedlungen mit Grabhügeln und Überresten täglichen Lebens der indianischen Ureinwohner. Und er berichtet von der Millionärswitwe Bertha Matilde Honore Palmer, d ie 1910 Land kaufte, bis ihr fast der gesamte Landkreis Sarasota gehörte. Ihr Winterwohnsitz Osprey Point ist von wunderschönen Gärten umgeben, die indianische Kultstätten mit einschließen. Wie mag das Leben damals ausgesehen haben? Während ich zwischen Mangrovendickicht und Pinienhainen wandle, lasse ich meine Phantasie in die Vergangenheit schweifen. Träume der besonderen Art.
Hier schließt sich der Kreis, hier endet meine Reise durch diese an Vielfalt kaum zu übertreffende Region Floridas. Ich habe viele Zeitzeugen von damals getroffen, die meisten aus Stein, aber auch einige aus Fleisch und Blut. Man muß nur genau hinschauen, dann kommt sie ganz von selbst: die Liebe auf den zweiten Blick!