"Wir haben ein beeindruckendes Land mit außerordentlich freundlichen Menschen erlebt. Unser zentraler Standort war Lehigh Acres in der Nähe von Ft. Myers. Von dort haben wir unsere Touren nach Orlando, Miami oder in die Evergl..." Volker D. aus Rastede weiter
Von Manatees und Meerjungfrauen
Mal authentisch, mal schräg — aber immer Florida pur
Von Susanne L. Born
Jamie Tolaver Ruiz, ihres Zeichens Geisterseherin, Priesterin und Medium möchte die Gedanken meines Hundes lesen. Ich muß ihr nur ein Foto vorlegen, und sie kann über die psychischen, mentalen und spirituellen Bedürfnisses meines Tieres aufklären: "30 Minuten 50 Dollar, 45 Minuten 75 Dollar, eine Stunde 100 Dollar, Kassettenaufnahme inklusive!" Das alles wird hier, in Cassadaga, nur eine halbe Autostunde von Orlando entfernt, sehr ernst genommen. Seit 1875 ist dieser kleine Ort inmitten von Zypressenhainen ein Zentrum für Menschen mit übersinnlichen Fähigkeiten und damit die älteste "Spiritualisten-Community" des Südens. Sie wohnen in kleinen tropisch anmutenden farbenfrohen Holzhäusern, vor denen Hinweisschilder die Gabe der Bewohner preisen: Wünschelrutengänger und Handaufleger sind dabei, Aura-Fotografen und Lebensrückführer, Traumdeuter und Kartenleger. In der Lobby des Cassadaga Hotel liegen sich Erleuchtete in den Armen. Sie haben an einer Meditation teilgenommen und dabei Geister gesehen. Medium Philomena, Sternzeichen Fische, hat sie auf dieser "Reise" begleitet und gibt abschließend ein paar Tipps für das Leben Zuhause. Die Fragen des Lebens sind beantwortet, die Kreditkarten belastet, jetzt noch schnell in den Gift Shop und ein paar Souvenirs erstehen, wie wäre es zum Beispiel mit dem Buch "Gewichtsverlust durch Hypnose"?
Lange nicht gelacht? Dann sollte niemandem der Weg zu den züchtigen Meerjungfrauen des Vergnügungsparks Weeki Wachee zu weit sein. Der Park an der Westküste Zentralfloridas gehört zu den Dinosauriern der floridianischen Unterhaltungsindustrie: rund um den Ursprung des Weeki Wachee River wird seit 1947 ein musikalischer Schwank frei nach Hans-Christian Andersens "Die kleine Meerjungfrau" gegeben. Ein "Buccanneer Park" genannter Wasserpark mit Rutschen und kleinem Sandstrand grenzt an das Unterwasser-Amphitheater, in dem das Spektakel stattfindet. Beobachtet wird das Geschehen durch eine Glasscheibe. Die Darstellerinnen sind Damen aus der Haarspraywerbung, die mit zusammengebundenen Füßen in 6 Meter Tiefe herumschwimmen, ihre langen Mähnen scheinbar im Wind wehend, und die natürlich nicht "Oben ohne" sind sondern Bikinioberteile tragen. Also doch eher Entertainment für Kinder als für Voyeure. Mittels langer Schläuche werden sie mit Atemluft versorgt, was ein wenig komisch wirkt, vor allem beim lippensynchronen Gesang. Eine Attraktion, die ich komisch und peinlich zugleich finde — allemal interessanter zu beobachten sind die ebenfalls im Aquarium schwimmenden Wasserschildkröten, die geschickt am turbulenten Geschehen vorbeinavigieren. Eine Stadt Weeki Wachee gibt es übrigens auch. Sie hat neun Einwohner und die Bürgermeisterin war einmal...richtig geraten, eine Meerjungfrau. Wie sagt man hier? "Once a mermaid, always a mermaid."
Der Ansager auf der Bühne ist weit davon entfernt, sich zu verhaspeln. "And turn to the left and step and step" — und dreißig, vierzig Personen stampfen im Rhythmus mit ihren Boots, wiegen sich im Gleichschritt, klatschen gleichzeitig in die Hände. Männer mit Cowboyhüten und Girls in rüschenbesetzten Röcken wirbeln über die Tanzfläche. Eine Auferstehung der Westernkultur? Nein, an diesem Ort ist das Normalität. Am Orange Blossom Trail, einer der längsten mir bekannten Straßen, und wenn nicht die längste überhaupt, dann sicher die amerikanischste: Autoverkäufer aller Marken verkünden Sonderangebote, silberne Fähnchen blitzen und funkeln, große Werbebillboards säumen die Straße, weisen auf Diner und Fastfood-Ketten hin, hier und dort ein Shopping-Center. Und dann eine Country- und Westernbar, nicht irgendeine. "Cowboys Orlando" sagt das Reklameschild auf einem langgestreckten Gebäude. Vorbei an zwei Türstehern, die sicher im Hauptberuf Catcher sind, rein in den Saal mit mehreren Bars und einer Tanzfläche so groß wie ein Handballfeld. Eigentümer Steve Sullivan ist stolz, denn er zählt viele Countrysänger zu seinen Freunden: "Alle Größen sind hier schon aufgetreten." Und beliebt ist der Laden, quer durch die Schichten der Gesellschaft: Collegestudenten, Arbeiter, Bankerinnen, — außer Farbigen ist hier alles vertreten, was einen Cowboyhut tragen kann.
St. Augustine im Norden Floridas ist eine überschaubare Stadt mit tropischem Charme. In der Fußgängerzone St. George Street, aber nicht nur dort, lebt die Mischung aus spanischer Vergangenheit, amerikanischer Großzügigkeit und der Grandezza des Eisenbahnmagnaten Henry Flagler, der hier die ersten Luxushotels bauen ließ. Es gibt verblichene Mosaike an Häuserwänden, Antiquitätenläden, verwunschene Häuser im Kolonialstil. Im gesamten historischen Viertel höre ich Pferdegetrappel — kleinen Kutschen fahren Touristen durch die Gegend. Müde Katzen blinzeln von bewachsenen Mauern. Ich wandele auf den Spuren der Geschichte, schließlich ist St. Augustine die älteste permanent besiedelte Stadt der USA. Aber der wahre Grund für mein Kommen sind einige höchst kuriose Museen. Manche halten sie für touristischen Blödsinn, ich hingegen finde sie hinreißend skurril. Weil das amerikanische Leben bekanntlich vor dramatischen Begebenheiten nur so strotzt, gibt es das Museum "Tragedy in U.S. History" wo mir der Mord an J. F. K. und das Todesauto von Hollywoodstar Jane Mansfield vorgeführt werden. Auf dem Nachbargrundstück liegt die Fountain of Youth, wo ich an einem kühlen Naß nippe, das ewiges Leben verspricht. Im Zorayda Castle, einer grandiosen Reproduktion der spanischen Alhambra, lerne ich die dubiosen Freizeitbeschäftigungen maurischer Könige kennen. Das alles ist jedoch NICHTS gegen das Kuriositätenkabinett Believe it or Not eines gewissen Robert Ripley. Längst ein Franchise-Unternehmen, steht in St. Augustine das ORIGINAL. Der Cartoonist reiste im frühen 20. Jahrhundert durch die Welt und brachte die verrrücktesten Dinge und Berichte mit nach Hause. Er zeichnete einen Mann mit vier Pupillen, filmte jemanden, der durch Augen und Ohren rauchte, und traf den Mann, dem ein Exekutionskommando acht Kugeln durch den Leib jagte und der anschließend davonging, als sei nichts geschehen. Von den Fiji Inseln brachte Ripley eine Meerjungfrau mit, aus Nürnberg eine mittelalterliche Foltermaschine und aus Ecuador Schrumpfköpfe, die er ganz besonders liebte. Nach Ripleys Tod wurde die Sammlung ergänzt: etwa durch eine sechsbeinige Kuh oder ein dreibeiniges Pferd, sehr gut gefiel mir auch Andy, die dreibeinige Gans — alle sind ausgestopft zur Bewunderung freigegeben. Dann sehe ich noch Wang, das menschliche Einhorn, die Frau aus Burma mit dem Giraffenhals und einen Grabstein mit der Aufschrift: "I expected this but not so soon". So schreite ich vorbei an Hokuspokus, an Albernem, Bizarren und frage mich, was wahr sein könnte und was nicht. Ich gebe zu, vieles möchte ich gerne glauben. Aber ob dem Chinesen, der nachts durch die Straßen von Chungking lief, tatsächlich eine Kerze aus dem Kopf wuchs? Believe it or not!
Die King's Bay an der Mündung des Crystal River ist eine wunderschöne, von breiten, glitzernden Wasserflächen und kristallklaren Süßwasserquellen durchzogene Mangrovenlandschaft — mit einer unwiderstehlichen Attraktion: Manatees. Hier möchte ich die sanften Riesen hautnah erleben und melde mich bei Bird‘s Underwater zum "Swimming with Manatees" an. Unsere kleine Gruppe sticht in See. Bootsführerin Rhonda weiß genau, wo wir sie finden können. "Auf Wirbel achten", rät sie, und "ab und zu ist auch eine Schnauze zu sehen". Es ist 6 Uhr früh und unser Boot tuckert langsam in den Sonnenaufgang. Ob wir Glück haben werden? Es ist August und normalerweise kommen die großen Säugetiere nur in den Monaten Oktober bis März zu den warmen, flachen Gewässern des quellgespeisten Crystal River. Die sanften Riesen lieben drei Dinge: schmusen, fressen und ausruhen. Sie wiegen zwischen 500 und 1000 Kilogramm, verzehren 40 Kilo Seegras pro Tag und sind mit dem Elefanten verwandt. Und sie haben nur einen natürlichen Feind: den Menschen und sein Motorboot. Weil Manatees so dicht unter der Wasseroberfläche schwimmen, werden ihre Rücken regelrecht aufgeschlitzt. Hinzu kommt, daß ihre Knochen so brüchig wie Porzellan sind, denn sie haben kein Knochenmark. Die zunehmende Besiedlung ist ein weiterer Risikofaktor. Jedes Grundstück an den kammartig angelegten Kanälen hat einen Pool, einen Bootszugang, man benutzt Mosquitospray und Dünger — längst ist der größte Teil des Flusses durch Nährstoffe und exotische Algen trübe. Nur noch 1000 dieser gutmütigen Tiere gibt es in Florida — und in 22 Schutzgebieten haben sie Vorfahrt, hier dürfen Motorboote nur im Schrittempo fahren. Wie im weitverzweigten Strom des Crystal River, wo Rhonda, die offenbar mit einem siebten Spürsinn für Manatees ausgestattet ist, den Motor abgestellt und den Anker gelegt hat. In einen Taucheranzug gezwängt, eine Schnorchelbrille auf dem Kopf, gleite ich so leise wie möglich ins Wasser. Ich sehe Wasserpflanzen, kleine Fische — sonst nichts. Rhonda holt den Anker wieder ein und wir starten 300 Meter weiter einen neuen Versuch. Nun sehe ich sie auch, die Wirbel, die behaarten Schnauzen. Wieder gleite ich in das Wasser und bereits nach wenigen Metern höre ich ein unglaublich geräuschvolles Mampfen neben mir. Eine Schrecksekunde später drehe ich mich um und sehe einen dunklen Schatten, mit zwei kräftigen Armzügen ist meine erste Seekuh direkt vor mir. Sie ist wunderschön! Dieser unförmig wirkende Körper strahlt Würde aus, Stärke und gleichzeitig Zärtlichkeit. Ich strecke die Hand aus und kratze sie ein wenig unter der Vorderflosse. Rhonda hat nämlich empfohlen lieber zu kratzen, denn streicheln merken die Dickhäuter nicht. Und was macht mein Manatee? Vollzieht mit dem massigen Körper eine abrupte Wendung, schaut mich aus kleinen Äuglein an und schwimmt dann seitwärts mit mir weiter. Dabei bewegt sie eine Flosse als fordere sie mich zu weiteren Berührungen auf. Ich bin dermaßen ergriffen, daß mir fast die Luft wegbleibt. Ich kraule sie nun am Hals, an der weichen Schnauze, an der Schulter — dann sehe ich drei langgestreckte weiße Narben auf ihrem Rücken, zweifellos von einem Motorboot stammend. Die Seekuh aalt sich, genießt meine Gegenwart, und ich kann mich kaum losreißen. Doch die Gruppe der Manatees zieht weiter. Ich tauche auf und teile meine Erlebnisse mit den anderen. Nach drei bewegenden Stunden holt Rhonda den Anker ein und wir kehren erschöpft aber glücklich zum Dock zurück.